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"Die Aktualität der Kunst (III)"

"Die Aktualität der Kunst (II)"

"Die Aktualität der Kunst (I)"

"Kunst als Kulisse"

"Das Kunstwerk im Zeitalter seiner Digitalisierung Teil (I)"

"Das Kunstwerk im Zeitalter seiner Digitalisierung Teil (II)"

"Das Kunstwerk im Zeitalter seiner Digitalisierung Teil (III)"

 Die Aktualität der Kunst (III)

Wir wollen die wesentlichen Strukturanalogien von Kunst und Wirklichkeit lediglich anhand einer einzigen, aber wohl wichtigsten gemeinsamen Tendenz illustrieren: der Tendenz zur radikalen Pluralität.

Die Forderung einer Pluralität von Welt- und Gesellschaftsentwürfen lässt sich als Antwort auf die totalitären Katastrophen des 20. Jahrhunderts begreifen. Sollen solche Katastrophen künftig vermieden werden, so müssen alle großen Universalkonzepte wie etwa die Theorie des wissenschaftlichen Sozialismus, positivistische Gesellschaftsentwürfe oder die technisch-wissenschaftlich-ökonomischer Rationalität abgelehnt werden. Denn als Universalkonzepte erheben sie einen Monopol- oder gar Totalitätsanspruch, in dem unter Umständen bereits der Keim ihres Totalitarismus angelegt ist.An die Stelle universalistisch argumentierender Entwürfe haben also Rationalitätstypen zu treten, die ohne Ausschließlichkeitsanspruch nebeneinander existieren. J.-F. Lyotard spricht in diesem Zusammenhang vom Ende der großen Erzählungen (eben jener Universalkonzepte), das eine Vielzahl unabhängiger kleiner Erzählungen freisetze.
Diese Pluralisierung lässt sich als der Grundprozess der Moderne in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ansehen, der im allgemeinen mit dem Schlagwort der ´Postmoderne´ bezeichnet wird. Inwiefern lässt sich nun die Kunst als Modell einer pluralistischen Wirklichkeit deuten, die als Resultat aus diesem Prozess hervorgegangen ist?

In der Kunst finden wir jene "Koexistenz des Heterogenen, des radikal Verschiedenen" (Welsch, S. 69), die auch in unserer gesellschaftlichen Wirklichkeit bestimmend geworden ist.
Dies ist zum einen Folge der Kunstgeschichte im Ganzen, in deren Verlauf immer wieder neue Stilformen entwickelt wurden, ohne dass ältere deswegen obsolet geworden wären. Und das, obwohl sich Neuentwicklungen nicht selten der Rebellion gegen das Hergebrachte verdanken.
Zum anderen hat die Kunst gerade in der Moderne eine beispiellose Beschleunigung ihrer Entwicklung erfahren. Niemals zuvor wurden in so kurzer Zeit so viele Stilformen herausgebildet wie in den letzten einhundert Jahren. So ist zumal die moderne Kunst "geradezu eine Werkstatt und Schule vollendeter Pluralität, des Nebeneinander hochgradig differenter Gestaltungen geworden." (S. 69f.)

Vor allem dieser letzte Punkt konnte für die Kunstrezeption nicht folgenlos bleiben. Wenn sich der Betrachter nicht mehr einer für die Kunst seiner Zeit universal gültigen Anschauungsweise versichern kann, muss er für sie eine neue Sensibilität entwickeln. Er muss am je individuellen Werk "die eigentümliche Gestaltungslogik und die spezifischen Regeln des betreffenden Kunsttypus erfassen und beachten. (...) So genommen, stellt Kunsterfahrung eine exemplarische und mustergültige Einübung in Pluralität dar." (S. 70) Und damit eine Einübung in ästhetisches Denken, das ja die adäquate Zugangsweise zu unserer ästhetisch konstruierten und daher pluralistisch strukturierten Wirklichkeit darstellt.

Die reflektierte Auseinandersetzung mit Kunst bleibt daher nicht ihrer Sphäre verhaftet, sondern steigert in spezifischer Weise die Kompetenz für Wirklichkeit schlechthin. Kunst ist infolgedessen in einem umfassenden Sinn aktuell.

© Thomas Cohnen 11/2002

kunstbilder.de Lesetipp

Welsch, Wolfgang : Ästhetisches Denken.
RECLAM PHILIPP JUN. 1090 Kt, 223 S.,
EAN: 9783150086810
EUR 5,10  Warenkorb:


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